Melwin Melone und der Tod

An einem sonnigen Tag gingen Pauletta Papaya und Melwin Melone spazieren. Sie waren ungefähr eine halbe Stunde unterwegs, als sie ein lautes Schluchzen hörten. Neben einer Palme saß die Schildkröte und weinte bitterlich. Sie saß wohl schon sehr lange dort, denn aus ihren Tränen hatte sich bereits eine Pfütze gebildet.

„Hallo Schildkröte!“, sagte Melwin und stupste sie dabei sanft an. „Warum weinst du denn?“ Die Schildkröte hob den Kopf und antwortete: „Ich bin so traurig, weil meine Schwester gestorben ist.“ „Was heißt gestorben?“, fragte Melwin. Obwohl er dieses Wort noch nie gehört hatte und auch nicht wusste, was es bedeutet, kullerte eine Träne über seine Wange.

„Das heißt, dass sie für immer fort ist. Ihr Herz schlägt nicht mehr, sie atmet nicht mehr und sie kann auch nicht mehr sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen. Sie wird nie wieder mit mir spazieren gehen, gemeinsam mit mir essen, mit mir sprechen, lachen, tanzen und spielen. Nie, nie wieder!“, schluchzte die Schildkröte.

„Oh nein! Das ist ja furchtbar!“, meinte Melwin und fing nun ebenfalls laut zu weinen an. Da saßen sie nun nebeneinander im Gras, Melwin und die Schildkröte, und beide weinten herzzerreißend. Pauletta Papaya setzte sich zu ihnen und versuchte sie zu trösten.

Schließlich rief Melwin: „Aber da muss man doch irgendetwas tun können! Deine Schwester kann doch nicht einfach so für immer fort sein! Sie war doch bisher immer da? Wo ist sie denn hin? Los, kommt! Wir müssen sie zurückholen! Kommt schnell, sie kann doch noch nicht weit weg sein!“

„Das geht leider nicht.“, sagte Pauletta, „Von dort, wo sie jetzt ist, können wir sie nicht zurückholen.“ „Aber irgendetwas müssen wir doch tun können! Sie war doch bisher immer da, oder?“, fragte Melwin. „Ja, sie war bisher immer da!“, meinte auch die Schildkröte. Pauletta sah die beiden an und antwortete dann: „Wir können sie in Erinnerung behalten.“

„Wie geht das, in Erinnerung behalten?“, fragten Melwin und die Schildkröte gleichzeitig. Pauletta erklärte: „Ihr könnt immer, überall und jederzeit an sie denken und in euren Träumen könnt ihr mit ihr spazieren gehen, gemeinsam mit ihr essen, mit ihr sprechen, lachen, tanzen und spielen.“

„Das ist schön“, meinte die Schildkröte, doch Melwin rief: „Und was ist, wenn ich vergesse, sie in Erinnerung zu behalten?“ Pauletta hatte auch darauf eine Antwort: „Sieh mal Melwin, dann suchst du dir einfach etwas, das dich daran erinnert, sie in Erinnerung zu behalten. Ein Foto zum Beispiel, oder ein Geschenk, dass du von ihr bekommen hast.“

„Aber was ist, wenn das Foto verblasst und ich das Geschenk verliere?“, entgegnete Melwin. Pauletta überlegte: „Hmm. Dann musst du etwas nehmen, das immer da ist, das nicht verblassen kann und das du auch nicht verlieren kannst.“ „Ich weiß etwas!“, freute sich die Schildkröte. „Der Mond! Der Mond ist immer da! Jede Nacht! Auf der ganzen Welt!“

„Das ist eine gute Idee.“, fand Pauletta. „Immer, wenn ihr den Mond seht, dann könnt ihr euch an sie erinnern.“ „Ja!“, lächelte Melwin. „Weißt du was, Schildkröte, wir fangen gleich heute Nacht mit dem Erinnern an!“ Auch die Schildkröte war nicht mehr so traurig wie zuvor. „Eine Frage habe ich noch“, meinte sie. „Geht es meiner Schwester denn gut, dort wo sie jetzt ist?“ Pauletta antwortete: „Da bin ich mir sicher.“

Eine Geschichte von Karin Lehner
Illustration: Dr. Andrea Benedetter-Herramhof

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