Melwin Melone und das Übergewicht

Es war ein sonniger Wintermorgen und Melwin Melone wollte mit der Katze eislaufen gehen. Da es schon seit Wochen klirrend kalt war, hatte der See am Waldrand eine dicke Eisdecke bekommen. Melwin und die Katze hatten die Hälfte des Weges noch vor sich, da tauchte ein großer Bernhardiner vor ihnen auf.

„Ui, ist der dick!“, rief Melwin erstaunt aus und zeigte mit dem Finger auf den großen Hund. Der Bernhardiner blieb kurz stehen und schaute Melwin Melone an. Die Katze flüsterte: „Sei still, Melwin! So etwas macht man nicht!“ Melwin wollte nicht hören und lachte laut: „Siehst du das? Warum ist denn der Bernhardiner so extrem dick?“

Die Katze raunte Melwin zu: „So sei doch endlich still!“ Doch der Bernhardiner hatte alles gehört und sich bereits nach den beiden umgedreht. Etwas mürrisch antwortete er: „Weil mir das Essen so schmeckt.“ Er ließ den Kopf hängen und trottete langsam weiter.

„Na toll, Melwin. Jetzt hast du ihn beleidigt“, sagte die Katze. „Ich? Ich habe den Bernhardiner beleidigt?“ Melwin Melone konnte es nicht glauben. „Was habe ich denn Schlimmes gemacht?“ Die Katze antwortete: „Du hast mit dem Finger auf ihn gezeigt und ihn ausgelacht. Das war gar nicht nett von dir.“

„Aber ich habe doch nichts Falsches gesagt! Es stimmt doch, dass der Bernhardiner extrem dick ist! Hast du das denn nicht gesehen?“ „Ja, das stimmt schon, Melwin“, sagte die Katze. „Trotzdem war es nicht nett. Du hast ihn gekränkt.“ Melwin verstand nicht. „Aber ich habe doch die Wahrheit gesagt!“, meinte er verzweifelt.

Die Katze überlegte kurz, dann sagte sie zu ihrem Freund: „Weißt du, auch die Wahrheit kann manchmal weh tun. Ich glaube, dass es dem Bernhardiner unangenehm ist, dass er so dick ist. Wahrscheinlich fühlt er sich selber nicht wohl mit seinem Übergewicht. Ich kenne eigentlich niemanden, dem es gefällt, extrem übergewichtig zu sein.“

Melwin Melone nickte betroffen. Die Katze erklärte weiter: „Du weißt bestimmt, dass es überhaupt nicht toll ist, wenn man auf etwas angesprochen wird, das man selber lästig oder unschön findet. Niemandem gefällt es, wenn er auf etwas Unangenehmes aufmerksam gemacht wird. Ganz egal, ob es der Wahrheit entspricht oder nicht.“

„Du hast recht“, sagte Melwin zur Katze. „Ich werde auch immer ganz traurig, wenn jemand zu mir sagt, dass ich extrem rote Wangen habe. Obwohl es stimmt.“ „Siehst du?“, bestätigte die Katze, „Und wenn jemand dabei mit dem Finger auf dich zeigt und lacht, ist es noch viel bedrückender.“ „Stimmt“, gab Melwin Melone betroffen zu.

Die beiden spazierten weiter Richtung See. Nach einer Weile fragte Melwin: „Eines möchte ich aber schon gerne wissen. Warum nimmt der Bernhardiner nicht einfach ab, wenn es ihm unangenehm ist, so dick zu sein?“ „Das ist nicht so einfach, Melwin“, antwortete die Katze. „Es ist sehr mühsam und anstrengend abzunehmen, wenn man extrem übergewichtig ist.“

Die Katze erklärte: „Es gibt viele Gründe dafür, übergewichtig zu sein. Es muss nicht automatisch bedeuten, dass man zu viel isst und sich zu wenig bewegt. Es kann auch angeboren sein. So wie deine roten Wangen.“ „Oh, das wusste ich nicht“, sagte Melwin. „Ich werde ganz bestimmt nie wieder mit dem Finger auf jemanden zeigen und lachen!“ „Das ist eine gute Idee“, sagte die Katze. „Und jetzt lass uns endlich eislaufen!“

Eine Geschichte von Karin Lehner
Illustration: Dr. Andrea Benedetter-Herramhof

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