Melwin Melone & die Stiefmutter

An einem sonnigen Frühlingstag beschloss Melwin Melone bereits früh am Morgen, einen Spaziergang zu machen. Er wollte zu einem kleinen See wandern, um das glitzernde Wasser darin zu bestaunen. Die Vögel zwitscherten und es war sehr warm. Als er bei einer großen Wiese vorbeikam, traf er auf Pauletta Papaya.

„Guten Morgen Pauletta“, sprach Melwin sie überrascht an. „Was machst du denn heute schon so früh draußen?“ „Servus Melwin“, grüßte Pauletta zurück. „Ich pflücke Blumen für meine Stiefmutter. Sie hat nämlich heute Geburtstag und da habe ich mir gedacht, dass sie sich über einen Blumenstrauß bestimmt freuen wird!“

„Schickst du ihr die Blumen denn mit der Post?“, wollte Melwin Melone wissen. „Aber nein! Das wäre keine gute Idee. Sie würden doch auf dem Weg verwelken! Selbstverständlich überreiche ich ihr den Blumenstrauß persönlich. Mein Bruder und ich besuchen heute nämlich meinen Vater und da treffen wir sie sowieso!“

Melwin hatte zum Schluss gar nicht mehr richtig zugehört. Er machte ein entsetztes Gesicht und meinte: „Oh Gott, Pauletta! Du musst ja schreckliche Angst haben!“ „Aber warum denn?“, fragte Pauletta. „Naja, weil du eine Stiefmutter triffst!“, rief Melwin. Pauletta Papaya war verwirrt: „Weshalb soll ich Angst haben?“

„Weil du eine Stiefmutter triffst!“, rief Melwin erneut. „Fürchtest du dich denn nicht vor einer Stiefmutter?“ „Nein“, gab Pauletta zur Antwort. „Ich fürchte mich nicht vor einer Stiefmutter und schon gar nicht vor meiner Stiefmutter!“ „Das verstehe ich nicht! Ich habe nämlich große Angst! Sogar sehr große!“

„Wie denn das?“, fragte Pauletta verwundert. Melwin wurde laut: „Weil Stiefmütter so schrecklich böse sind!“ „Aber Melwin, wie kommst du denn darauf?“ Pauletta war ratlos. Melwin erklärte es ihr: „Schneewittchen, Goldmarie, Aschenputtel – sie alle hatten eine Stiefmutter, die furchtbar böse war! Stiefmütter sind gemein und feindselig!“

„Aber das ist doch gar nicht wahr“, entgegnete Pauletta. „Meine Stiefmutter ist überhaupt nicht böse. Sie ist sehr nett und ich habe sie gern.“ Melwin konnte es nicht glauben: „Wirklich? Heißt das etwa, dass Stiefmütter gar nicht böse sein müssen?“ „Genau das heißt es“, bestätigte Pauletta.

„Nur weil Schneewittchen, Goldmarie und Aschenputtel im Märchen eine böse Stiefmutter haben, heißt das noch lange nicht, dass alle so sind!“ „Oh, entschuldige. Das wusste ich nicht.“ Melwin Melone war ganz verlegen geworden. „Ich kenne ja nur diese drei. Und vor denen habe ich Angst.“

„Oh, ja!“, gab Pauletta zu, „Mit diesen Stiefmüttern möchte ich lieber auch nichts zu tun haben.“ „Du Pauletta?“ Melwin blickte zu Boden und traute sich kaum fragen: „Was ist eigentlich eine Stiefmutter?“ „Also, meine Stiefmutter ist die neue Frau von meinem Papa“, erklärte Pauletta. „Sie leben gemeinsam in einer Wohnung im Nachbarort.“ Dann rief sie erfreut: „Falls sie mal ein Baby bekommen, dann habe ich auch einen Stiefbruder oder eine Stiefschwester!“

„Und deine Stiefmutter ist wirklich nicht böse?“, fragte Melwin erneut. „Nein. Sie ist nicht böse. Sie ist so wie wir. Mal lustig und fröhlich, mal grantig und schlecht gelaunt, mal lacht sie, mal weint sie, mal lobt sie, mal schimpft sie. Sie ist so wie wir.“ „So, wie auch Mütter sind?“, fragte Melwin. Pauletta antwortete: „Ja. So, wie auch Mütter sind. So, wie wir eben sind. Wir alle.“

Eine Geschichte von Karin Lehner
Illustration: Dr. Andrea Benedetter-Herramhof

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