Melwin Melone und der Terroranschlag

An einem Montag Anfang November durfte Melwin Melone bei seinem Freund Leo Lauch übernachten. Die beiden hatten den ganzen Nachmittag draußen gespielt. Nun war es Abend geworden. Melwin und Leo hatten bereits ihre Zähne geputzt und den Pyjama angezogen.

„Mama, dürfen wir heute ausnahmsweise noch fernsehen? Biiiitttte!“, bettelte Leo. „Ich möchte Melwin gerne meine Lieblingsserie zeigen.“ „Also gut, eine Folge. Aber dann geht ihr brav ins Bett, okay?“, lächelte die Mutter. Leo und Melwin machten es sich auf der Couch gemütlich und Leos Mutter schaltete den Fernseher ein.

Auf dem eingestellten Programm lief gerade eine Nachrichtensendung und der Sprecher sagte: „Nach dem Terroranschlag in Wien hat die Analyse zahlreicher Handyvideos bisher keinen Hinweis auf weitere Attentäter ergeben.“ Neben dem Sprecher wurde ein Video gezeigt, auf dem mehrere Polizeifahrzeuge mit eingeschaltetem Blaulicht zu sehen waren.

Melwin und sein Freund starrten fasziniert auf den Fernseher. Als Leos Mutter dessen Lieblingsserie einschalten wollte, rief Melwin: „Stopp! Nicht umschalten! Ich möchte das sehen!“ „Ja, ich auch!“, bat Leo. Die beiden begeisterte derzeit alles, was mit Polizei zu tun hatte. „Das ist nichts für euch“, meinte die Mutter und schaltete aus.

„Warum nicht?“, wollte Leo wissen. „Was war das überhaupt?“ „Die Nachrichten“, erklärte seine Mutter. „Heißt das etwa, das Ganze ist in echt passiert?“, fragte Melwin mit weit aufgerissenen Augen. „Ja, das ist wirklich passiert“, bestätigte die Mutter. „Wahnsinn, so viel Polizei!“, staunte Leo. „Was war denn da los?“

Seine Mutter seufzte und sagte dann mit ernster Stimme: „Gestern Abend war ein Terroranschlag in Wien.“

„Ein Terroranschlag?“, wiederholte Melwin. „Was ist ein Terroranschlag?“ Leos Mutter begann zu erklären: „Ein Terroranschlag ist ein grausames Verbrechen, das jemand begeht, um den Menschen schreckliche Angst einzujagen.“

„Ein grausames Verbrechen? Was für ein Verbrechen?“, hakte Melwin Melone nach. Die Mutter von Leo wusste, dass die beiden nicht aufhören würden zu fragen.

Mit ruhiger Stimme begann sie zu erzählen: „Gestern Abend hat in Wien ein junger Mann, ganz plötzlich, mitten auf der Straße, zu schießen begonnen. Er hat mehrere Menschen schwer verletzt und einige getötet.“ „Was?“ Melwin Melone und Leo Lauch waren entsetzt.

„Und was ist dann passiert?“ Die Mutter von Leo erzählte weiter: „Es gab einen großen Polizeieinsatz, die Straßen wurden abgesperrt und die Menschen mussten sich in Sicherheit bringen. Niemand durfte mehr hinaus, weil es zu gefährlich war. Der Attentäter ist durch die Stadt gelaufen und hat nicht aufgehört zu schießen.“

„Aber warum hat er das gemacht?“, wollte Melwin Melone wissen. „Diese Frage kann ich dir auch nicht beantworten“, sagte die Mutter. „Es gibt leider auf der ganzen Welt Menschen, die Dinge tun, die man einfach nicht verstehen kann.“

„Konnten ihn die Polizisten denn fangen?“, fragte Leo. „Ja, sie haben ihn erwischt.“ „Haben sie ihn eingesperrt?“, war Melwin neugierig. „Nein, der Attentäter wurde von der Polizei erschossen. Es gab keine andere Möglichkeit ihn zu stoppen.“ Leo und Melwin schauten einander betroffen an.

Nach einer Weile meinte Melwin: „Wien, das ist doch gar nicht so weit weg, oder? Kann so etwas bei uns auch passieren?“ Für eine kurze Zeit war es ganz still im Wohnzimmer. Dann sagte Leos Mutter: „Ganz ehrlich, das weiß ich nicht. Ganz einfach, weil das niemand sicher wissen kann. Aber es ist sehr unwahrscheinlich. Ihr braucht keine Angst zu haben. Die Terroristen wollen nämlich genau das. Dass wir uns fürchten. Und das dürfen wir nicht zulassen, versteht ihr?“ Melwin und Leo nickten. Die Mutter fuhr fort: „Es gibt in unserem Land sehr viele Menschen, die dafür sorgen, dass wir sicher sind.“ „Die Polizei auch?“, fragte Leo. „Ja, die Polizei auch.“

„Das ist alles furchtbar traurig“, sagte Melwin. „Das stimmt“, bestätigte Leos Mutter. „Ich habe eine Idee“, sagte sie dann. „Was haltet ihr davon, wenn wir eine Kerze anzünden, die CD mit der schönen Musik hören und Sterne malen, damit wir wieder auf andere Gedanken kommen?“ „Ja, das ist eine gute Idee“, waren Melwin und Leo einverstanden.

Und ihr? Macht ihr auch mit?

Eine Geschichte von Karin Lehner
Illustration: Dr. Andrea Benedetter-Herramhof

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