Melwin Melone & das Down Syndrom

An einem wunderschönen Herbsttag ging Melwin Melone spazieren. Sein Freund, der Schmetterling, flatterte neben ihm her und die beiden plauderten über dieses und jenes. Auf einmal sagte der Schmetterling: „Stell dir vor, Melwin! Letztens habe ich mich verirrt und bin in das Haus einer Menschenfamilie hineingeflogen!“ „Das ist ja aufregend“, meinte Melwin. „Ich war noch nie im Haus einer Menschenfamilie!“

Der Schmetterling erzählte weiter: „Es war zur Mittagszeit und die beiden Kinder – ein Mädchen und ein Junge – waren gerade von der Schule nach Hause gekommen. Das Mädchen war ganz aufgeregt und rief: „Mama, Mama! Heute war der Junge mit dem Down Syndrom zum ersten Mal in meiner Klasse!“ „Tatsächlich? Wie heißt er denn?“, fragte die Mutter. „Er heißt Lukas, genau wie mein Bruder! Stell dir vor, obwohl er ein halbes Jahr älter ist als ich, geht er mir gerade bis zum Kinn!“

„Und Mama“, das Mädchen fing an zu lachen, „Lukas braucht noch immer eine Windel!“ „Das ist kein Grund, um über ihn zu lachen!“, meinte die Mutter. „Lukas kann nichts dafür, dass er noch eine Windel braucht.“ „Aber, was ist denn los mit ihm?“, fragte das Mädchen. „Er redet auch so komisch, ich habe ihn gar nicht verstanden! Ist das wegen dem Down Syndrom?“ „Ja“, sagte die Mutter. „Aber wo hat er denn das her? Kann ich das auch kriegen?“, wollte das Mädchen wissen. Die Mutter versicherte: „Nein, du kannst es nicht bekommen. Lukas ist bereits mit dem Down Syndrom auf die Welt gekommen. Es ist angeboren.“

Das Mädchen fragte weiter: „Was bedeutet denn das, angeboren?“ „Weißt du“, erklärte die Mutter, „jeder Mensch entsteht nach einem genauen Bauplan. Du kannst dir das so vorstellen, wie bei deinem Lego. Unser Körper besteht aus vielen, vielen, winzig kleinen Zellen – das sind die Legosteine. In dem Bauplan, also der Bauanleitung, steht ganz genau drin, wo eine Zelle hingehört, wie sie aussieht und was sie machen muss.“

Die Mutter erklärte weiter: „Jedes Baby beginnt aus einer einzigen Zelle zu wachsen. In dieser allerersten Zelle ist die Bauanleitung für das Baby auf langen Fäden aufgeschrieben. Eine Hälfte der Fadenknäuel stammt von der Mama, die andere Hälfte vom Papa. Auf diesen Fäden steht zum Beispiel, welche Augenfarbe das Baby bekommt, welche Haarfarbe, wie die Nase aussehen wird oder wie lang die Finger einmal werden. Alles ist auf diesen Fäden festgelegt.

Nun kann es vorkommen, dass in dieser Bauanleitung etwas durcheinandergerät. Es kann passieren, dass Sachen fehlen oder doppelt vorhanden sind. Es kann auch sein, dass sie an einigen Stellen nicht mehr richtig lesbar oder sogar kaputt ist. Dann entwickelt sich der Körper des Babys nicht so, wie er eigentlich sollte.“

„Ah, ich verstehe!“, rief das Mädchen. „Als ich das letzte Mal mein Legoschloss gebaut habe, klebten zwei Seiten der Bauanleitung zusammen. Daher konnte ich den Balkon nicht richtig bauen. Ich habe die Tür und das Geländer vergessen!“ „Genau“, bestätigte die Mutter, „und ein Balkon ohne Tür und ohne Geländer funktioniert irgendwie nicht so richtig, oder?“

„Nein“, sagte das Mädchen. „Ist es beim Down Syndrom etwa auch so? Ist da auch ein Kuddelmuddel in der Bauanleitung?“ „Naja, nicht so ganz“, erklärte die Mutter. „Bei Lukas ist eines dieser Fadenknäuel zu viel. Es ist anstatt doppelt dreifach vorhanden. Daher sieht Lukas anders aus, ist kleiner als du und kann manche Sachen nicht so schnell und so gut lernen wie andere Kinder.“ „Oh“, meinte das Mädchen betroffen.

„Weißt du“, die Mutter sprach weiter, „manche Sachen können Menschen mit Down Syndrom aber auch viel besser als andere. Sie haben meistens ein sehr fröhliches und herzliches Wesen, fast so, als ob immer die Sonne scheinen würde.“ „Steht das etwa alles auf diesen Fäden?“, wollte das Mädchen wissen. Die Mutter nickte.

Der Schmetterling war beim Erzählen immer leiser und Melwin Melone immer nachdenklicher geworden. Nach einer Weile meinte Melwin: „Dann kann dieser Lukas also wirklich gar nichts dafür, dass er noch eine Windel braucht?“ „So ist es“, sagte der Schmetterling. „Genauso, wie niemand etwas dafürkann, welche Augenfarbe er hat, oder wie seine Ohren aussehen, so können Menschen mit einer angeborenen Beeinträchtigung nichts dafür, dass sie so sind, wie sie sind. So ist es nun einmal auf dieser Welt: Jeder sieht anders aus, jeder kann etwas anderes gut. Wir sind alle verschieden.“ „Es wäre aber auch langweilig, wenn wir alle gleich wären“, bestätigte Melwin lächelnd.

Eine Geschichte von Karin Lehner
Illustration: Dr. Andrea Benedetter-Herramhof

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